HiNTERGRUND : THE ROBBER / DER RÄUBER

HiNTERGRUND: SEXUELLER MiSSBRAUCH AN KiNDERN

Erst seit ungefähr 25 Jahren ist die Thematik des sexuellen Missbrauchs aus ihrer gründlichen Verdrängung wieder an die Oberfläche geraten, schreibt der Psychoanalytiker Mathias Hirsch in seinem Buch «Psychoanalytische Traumatologie – Das Trauma in der Familie»*. Sein Buch, in dem er sich eingehend mit der Thematik befasst, dient als Grundlage meiner Recherchen.
Wichtig zu erwähnen ist, dass die folgende Erörterung einen kleinen Einblick in ein komplexes The- ma gibt. Es geht um die Fakten, die ich für meinen Film als wichtig empfinde.
Von sexuellem Missbrauch an Kindern spricht man, wenn eine Person – meistens eine Vater- oder Mutterfigur – ihre Erziehungs-«Gewalt» dazu ausnützt, um einen sexuellen Lustgewinn für sich zu erhalten. Man spricht bereits von sexuellem Missbrauch, wenn beispielsweise ein Vater sein Kind in der Dusche beobachtet und sich dabei erregt: Die Vater-Kind-Beziehung wird schon bei diesem Vergehen gestört. Gravierendere Fälle sind diejenigen in denen der Täter oder die Täterin das Kind intim berührt oder eine Penetration stattfindet.
Eine genaue Häufigkeit von solchen Übergriffen ist schwierig zu beziffern. Es gibt Angaben, dass jedes dritte bis zehnte Kind sexuellen Missbrauch erfährt. Eine genaue Häufigkeit kann daher kaum ermittelt werden, da solche Taten meistens verschwiegen werden oder von den Betroffenen ver- drängt.
Hirsch berichtet in seinem Buch, dass vernachlässigte, unwillkommene Kinder in hohem Masse prä- destiniert sind sexuell missbraucht zu werden. Sie sind von Anfang an nichts wert, sodass man «es mit ihnen machen kann». (Hierbei ist zu erwähnen, dass Vernachlässigung nichts mit dem sozialen Status einer Familie zu tun hat. Die Vernachlässigung eines Kindes macht sich in zwischenmenschli- chen Beziehungen fest, insbesondere zu den Eltern.)
Viele Opfer berichten, dass sie sich im Missbrauchsgeschehen selbst sehen, konkret heisst das, dass sie als Aussenstehende zusehen – eine Dissoziation des Körper-Selbst. Ein Teil von ihnen spaltet sich während der Tat ab, so entziehen sie sich dem Opfer- Sein. In späteren Belastungssituationen geschieht oft der gleiche Vorgang.
Des weiteren berichten Betroffene, dass sie auf akustische und visuelle Reize übersensibel reagie- ren. Meistens sind es spezifische Geräusche, die im Zusammenhang mit dem Missbrauchsgeschehen stehen – die Geräusche des Täters und die visuellen Eindrücke während der Tat. Wie die Dissoziation des Körper-Selbst treten auch diese Wahrnehmungsstörungen, insbesondere bei späteren Belas- tungssistuationen, auf. Viele berichten, dass die ganze Welt in sie eindringen würde. Diese Übersen- sibilität ist so zu deuten, dass es die Betroffenen vor einem weiteren Übergriff schützen mag, sie die Anzeichen sofort erkennen würden.
Das Verheerende an sexuellem Missbrauch ist jedoch nicht nur, dass er eine Straftat darstellt, son- dern, dass die Opfer auf Grund der physiologischen Reaktion sexuelle Lust empfinden. Deshalb wird die Tat oft fehl interpretiert, sowohl von den Tätern, wie auch von den verunsicherten Opfern. Viele Opfer suchen daher als Erwachsene das Missbrauchsgeschehen wieder, sie glauben unbewusst daran, dass es «diesmal» anders enden wird, dass sie geliebt und nicht gebraucht werden. Miss- brauchskinder haben daher einen schweren Zugang zu einer gesunden Sexualität in ihrem Erwach- senenleben. So kommt es häufig vor, dass sich eine Partnerschaft mit einem Missbrauchsopfer schwierig gestaltet.
Sexueller Missbrauch wird oft über Generationen weitergegeben, bewusst, «weil es ihnen (den El- tern) ja nicht besser ergangen ist» oder als unbewusster Erinnerungsakt an das selbst erlebte. Hier macht sich ein Kreislauf sichtbar, der schwierig zu durchbrechen ist. Für die Bewältigung solcher traumatischer Erfahrungen ist eine Psychotherapie empfehlenswert.
Man könnte meinen, dass ein Kind, das von seinem Vater sexuell missbraucht wird, eine schlechte Beziehung zu ihm hat. Dies ist jedoch meistens nicht der Fall, auch wenn sich Kinder vor den Über- griffen fürchten. Der Täter kann in zwei Personen aufgespalten werden. In den liebevollen Vater und in einen bösen Mann.
Wichtig zu erwähnen ist auch, dass es sich in der Tat nicht mehr um eine Vater-Kind- Beziehung handelt, sondern viel mehr um die Beziehung zu einer Geliebten. Das Kind nimmt die Position ein, welche die Mutter zu erfüllen hätte.

*Mathias Hirsch: «Psychoanalytische Traumatologie – Das Trauma in der Familie». Schattauer, Stuttgart, 2004.